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Lipogramme — Texte ohne bestimmte Buchstaben

Lesedauer: 7 Min · Kategorie: Linguistik · Stand: Juni 2026

Im Jahr 1939 erschien in Paris ein 300-seitiger Roman namens „La Disparition" von Georges Perec. Das Besondere: Der gesamte Roman kommt ohne den Buchstaben E aus. Dabei ist E der häufigste Buchstabe der französischen Sprache. Was wie eine sprachliche Spielerei wirkt, ist eines der berühmtesten Lipogramme der Literaturgeschichte — und führt uns zu einer Welt von Texten, die sich freiwillig einer Beschränkung unterwerfen.

Was ist ein Lipogramm?

Ein Lipogramm (vom griechischen leipo „weglassen" und gramma „Buchstabe") ist ein Text, der einen oder mehrere bestimmte Buchstaben des Alphabets bewusst auslässt. Die Auslassung muss konsequent durchgehalten werden — sonst ist es kein Lipogramm.

Die einfachste Form ist das e-Lipogramm im Deutschen: Versuche, einen Satz ohne den Buchstaben E zu schreiben. Schnell merkst du, wie schwer das ist: „der", „die", „das", „und" sind tabu. Verben enden meist auf -en, also nicht erlaubt. Schon dieser Satz wäre unmöglich.

Berühmte Lipogramme

Lasos von Hermione (6. Jh. v. Chr.)

Der griechische Dichter Lasos schrieb angeblich Hymnen ohne den Buchstaben Sigma. Sein Werk ist nicht erhalten, aber von späteren Autoren bezeugt.

Tryphiodoros (4. Jh. n. Chr.)

Verfasste eine 24-bändige Odyssee-Bearbeitung — und ließ in jedem Band einen anderen Buchstaben des griechischen Alphabets aus. Im ersten Band fehlte Alpha, im zweiten Beta, und so weiter. Vollständig verschollen, aber im Mittelalter berühmt.

Georges Perec — La Disparition (1969)

Das vielleicht berühmteste Lipogramm der Moderne. Der ganze Roman vermeidet das E. Übersetzungen in andere Sprachen behielten die Beschränkung bei — auf Englisch wurde es A Void, ohne E. Auf Spanisch heißt es El Secuestro, aber dort fehlt das A (häufigster Buchstabe im Spanischen).

Ernest Wright — Gadsby (1939)

Ein 50.000-Wörter-Roman auf Englisch, vollständig ohne E. Wright soll die Taste E seiner Schreibmaschine festgebunden haben, damit er sie nicht versehentlich drückte.

Lipogramme im Deutschen

Im Deutschen ist E mit etwa 17% der häufigste Buchstabe. Ein deutsches e-Lipogramm ist daher noch schwerer als ein französisches. Trotzdem haben einige Autoren es versucht:

Walter Abish veröffentlichte 1974 „Alphabetical Africa" — jedes Kapitel beginnt nur mit Wörtern, die mit einem bestimmten Buchstaben anfangen. Kapitel 1 nur mit A, Kapitel 2 mit A und B, und so weiter. In Kapitel 26 sind alle Buchstaben erlaubt; ab Kapitel 27 verschwindet wieder Z, dann Y, und am Ende bleibt nur A. Eine umgekehrte Mathematik des Vokabulars.

Im deutschen Sprachraum experimentierte der Schriftsteller Oskar Pastior mit ähnlichen Beschränkungen. Sein Gedicht „Vokalisen" arbeitet mit einem einzigen Vokal pro Strophe.

Lipogramme als Wortspiel

Auch ohne Romanlänge können Lipogramme unterhalten. Versuche selbst:

Diese Übungen schärfen das Sprachgefühl: Du merkst, welche Wörter sich umgehen lassen und welche unentbehrlich sind. „Auto" ohne A ist unmöglich; „Eis" ohne E auch. „Glück" ohne Ü? Lass dich überraschen.

Verwandte Formen — Anagramme, Palindrome, Pangramme

Das Lipogramm gehört zu einer Familie von Wort-Constraints, die alle in der antiken Rhetorik wurzeln:

All diese Formen sind Beschränkungen, die kreativ befreiend wirken. Sie zwingen den Schreibenden, ungewöhnliche Wege zu nehmen — und produzieren dadurch oft frische, überraschende Texte.

Fazit

Lipogramme zeigen, was Sprache leisten kann, wenn ein Pfeiler weggenommen wird. Sie sind das Gegenteil von Faulheit: maximale sprachliche Disziplin im Dienst eines Sprachexperiments. Ein guter Buchstaben-Entmischer hilft, wenn du selbst ein Lipogramm versuchen willst — gib die erlaubten Buchstaben ein und sieh, welche Wörter dir bleiben.

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